Nachruf

Gratia Honosque sit tibi Praemium Virtutis:

Dorferneuerungspionier Willibald Keßler gestorben

Ehepaar Keßler mit Prof. Elmar Zepf, dem Gründungsvorsitzenden unserer Akademie

Lupburg, im Dezember 2025. Pionier der Dorferneuerung -, so nennt die Mittelbayerische Zeitung den langjährigen Bürgermeister von Lupburg in ihrem Nachruf vom 11.Dezember 2025, und wir, die Mitglieder der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum, rufen ihrem so verdienstvollen Mitglied, dem studierten Philologen und beliebten Gymnasiallehrer voller Dankbarkeit und Anerkennung Ciceros von Keßler selbst gerne zitierte „Adelung“ zu: „Gratia Honosque sit tibi Praemium Virtutis“. Ja, wir danken und ehren Willibald Keßler für seine vielfachen Tugenden, ob es die Leidenschaft fürs Bürgermeisteramt und als Hinzugezogener für „sein“ Lupburg war, vor allem für die Dorferneuerung und nachhaltige Leitbilder oder seine Begeisterung für Leopold Kohr und dessen Philosophie der Kleinen Einheit.

Eine kleine Einheit war ihm mit der Gemeinde Lupburg und ihrer stolzen Burganlage jahrelang anvertraut, und er kümmerte sich um die Wiederbelebung von Ortszentrum und Burg in grandioser Art und Weise. Dabei gelang es ihm mit dem Planer Prof. Elmar Zepf und dessen Team bundesweit Zeichen zu setzen. Lupburg wurde plötzlich eine allererste Adresse in der bundesdeutschen Dorferneuerungs(forschungs)landschaft. Keßler trieb ständig an, und er war unendlich wissbegierig: er besuchte alle Tagungen der Akademie im Salzburgischen Neukirchen, er war hungrig nach Philosophien und der geistigen Dorferneuerung, er wusste aber ebenso Bescheid um partizipatorische Planung und technische Infrastruktur. Er unterstützte a priori die Einrichtung der SDL Plankstetten und war jahrelang souveräner Kassenprüfer der Akademie. Dass es damals frühzeitig erste „ILE“ Ansätze gab, also den Zusammenschluss mehrerer Gemeinden in dieser strukturschwachen Region (die heutige Kommunale Allianz NM-Arge 10), war auch sein Verdienst: er „konnte“ mit dem ihm ähnlichen eigenwilligen Landrat Albert Löhner. Beide einte der Wissensdurst und der nicht immer von allen verstandene Blick nach vorne, der Mut zum ungewöhnlichen oder ebenso das Beharren auf identitätsstiftendem wie z.B. auf lokaler Wasserversorgung. Das wurde ihm natürlich im politischen Tagesgeschehen nicht immer goutiert. Der Abschluss der „Bürgermeisterei“ 2008 war deshalb wohl nicht ganz so freiwillig wie angegeben. Aber vielleicht war es auch einfach genug nach 23 Jahren Plackerei, und das in der anstrengenden Hoch-Zeit der noch so jungen Dorferneuerung!!!

Umso mehr konnte er danach der Akademie dienen oder als „Fremdenführer“ Besuchergruppen von Lupburgs Erfolgen vor Ort überzeugen. Es gab keinen berufeneren Experten: Lupburg, das Golddorf, hat ihm unendlich viel zu verdanken.

Willibald Keßler als „Fremdenführer“

Der Akademie, in deren Reihen er sich unendlich wohl fühlte und wo er hochgeschätzt sowie durch Verleihung der Goldenen Ehrennadel auch hochgeehrt war, bleibt er unvergessen: nicht nur durch seine Lebensfreude, seine alljährlichen Berichte in den Mitgliederversammlungen und manchmal auch durch willkommene Apfelgaben aus der Allgäuer Geburtsheimat, sondern allein schon durch seine so rhythmischen Hexameter, die er beim spektakulären Landesempfang im schneebedeckten Wildkogelbergrestaurant anlässlich der Tagung „Zukunftsperspektiven ländlicher Kulturarbeit“ (mit Kultusminister Hans Zehetmair) am 25.März 1993 als Vertreter der Gäste mit zeitlosen und beklemmend aktuellen Wahrheiten zum Besten gab:

„Das Land hat uns zur Abendstunde
Geladen fein zur Kultus-Runde
Was auf der Tagung wir gehört
Das hat Niveau, das hat betört

Begrüßt hat freundlich uns Herr Winter
Herr Magel führt’ genial nicht minder
Zum Thema hin und auf die Spur
Man kann erwarten viel Kultur!

Es pfeifen doch von jedem Dach
Wer emsig ist und auch vom Fach!
Wir fuhren all auf Pinzgau-Tour,
Weil Peter rief: Hier gibt’s Kultur

Von Kohr und Magel inspiriert,
Die Tagung ist hier wohl platziert.
Neukirchen schafft halt die Mixtur
Der Salzburg-Bayerischen Kultur.

Die Tagung schützt und ehrt im Wort
Der Landesherr und Salzburg´s Lord
Das Land lebt´s vor: Geist in Natur!
Mit anderen leben heisst Kultur!

Die Eigenständigkeit lehrt der Minister
Humanitas war sein Magister.
Zum Leben g´hört auch Epikur,
Ein bißchen Lust ist auch Kultur 

Akademisch spannten sie den Bogen,
Die Stars im Kreis der Philologen.
Die Philosophie hat Konjunktur,
Doch nur mit Herz lebt die Kultur.

Dann sah´n wir Bauer´s Sagenreise,
Es ist der Menschen Lebensweise,
Im Kleinen sieht man die Struktur,
Nicht nur im Großen liegt Kultur

Morgen wird es weitergehen
Mit g´scheite Leit und guten Themen;
Sie schlagen auf die Partitur
Von Theorie und Praxis der Kultur.

Sie haben uns hier eingeladen
Zu Kosten auch des Landes Gaben.
Der Freundschaft schlägt heut´keine Uhr,
Wir pflegen aktiv jetzt Kultur

Mit vollem Glas nach alter Sitte
Ertönt´s mit Dank aus unserer Mitte
Für heute und für lange noch:
Der Landeshauptmann lebe hoch.

Der Imbiß wird uns sehr wohl munden,
Das Bier, der Wein wird alles runden.
Sie leben hoch in einer Tour,
Das ist eben Hoch-Kultur.“

Gerade auch dank dieser Verse bleibt unser Freund Willibald Keßler in unseren Herzen, so können wir den großen Verlust viel besser ertragen. Unser Mitgefühl gilt Frau Ursula Kessler, den drei Kindern und der ganzen Familie.

Willibald Keßler R.I.P:
Holger Magel