Kirchanschöring im Rupertiwinkel beeindruckt seine Gäste
Die Sommerexkursion 2025 führte die ALR nach Kirchanschöring – eine Gemeinde, die weithin für zahlreiche Modellprojekte bekannt ist. Wir konnten uns vor Ort überzeugen.
„Wie wollen wir leben? Tun wir dafür die richtigen Dinge? Und tun wir die Dinge richtig?“
Für den Ersten Bürgermeister Hans-Jörg Birner sind das die wichtigsten Fragen für die Gemeindentwicklung. Er begrüßte die Teilnehmer der ALR-Sommerexkursion in seiner Gemeinde Kirchanschöring, die weithin als Modellkommune bekannt ist. Birner gab ein paar Einblicke, wie es zu dieser besonderen Entwicklung kam. Bereits vor 15 Jahren entstand – mit den Bürgern – ein Gemeindeentwicklungskonzept, das nicht nur „eine Fülle an Ideen“ hervorbrachte, sondern für Birner durch die darin formulierten Ziele vor allem eine wichtige Orientierungshilfe darstellt: „Leider sind gemeindliche Leitbilder oft verpönt. Völlig zu unrecht, sie sind wichtig! Sie sind die Leitplanken für die zukünftige Entwicklung“.

ALR Präsident Miosga
Kirchanschöring
Im Landkreis Traunstein
- Einwohner: ca. 3.332 (Stand 30.09.2023 Bundesamt für Statistik)
- 49 Gemeindeteile
- Gesamtfläche 2523 ha – davon Wald 640 ha (25%). Landwirtschaftliche Nutzfläche 1626 ha (64%). Der Ort erstreckt sich über ca. 103 ha.
Hans-Jörg Birner
Dipl.-Ing. (FH), Prozess-, Steuer-, Regeltechniker
- Seit 2008 Erster Bürgermeister der Gemeinde Kirchanschöring
- Vorsitzender der ILE Rupertiwinkel
- Stellv. Vorsitzender LEADER Traun Alz Salzach
- Bürgermeister-Sprecher Landkreis Traunstein
- Ordentliches Mitglied der Bayer. ALR
Die Menschen im Mittelpunkt
Haus der Begegnung
Was den Ort u.a. auszeichnet, ist die dörfliche Gemeinschaft, das Miteinander und Füreinander. „Wir haben bereits seit über 30 Jahren einen gemeindlichen Sozialfonds für Menschen, die unverschuldet in Not gekommen sind“, berichtet Birner. Desweiteren gebe es Angebote, wie etwa einen Kleidermarkt sowie einen Seniorenfahrdienst für Arztbesuche und einen Rufbus (RUPI), den Senioren ebenfalls für Arztbesuche nutzen können. „Uns war bereits relativ früh klar, dass wir durch den demographischen Wandel einen zunehmenden Anteil älterer Menschen bei uns haben werden – und haben uns deshalb rechtzeitig damit auseinandergestzt, wie sie bei uns weiterhin gut leben können“.
So entstand die Idee für das „Haus der Begegnung“. Hier befindet sich mittlerweile das Sozialbüro, eine Arztpraxis und neben neun Appartments für Senioren noch eine eine „Senioren-WG“ – eine ambulant betreute Wohngemeinschaft (ABWG) für zehn Menschen mit Pflegegrad 3 bis 5. Die Mieter leben dabei selbstbestimmt, aber in Gemeinschaft und beauftragen zusammen einen Pflegedienst für eine 24-Stunden-Betreuung.
Umgesetzt wurde das Projekt als „Haus der Begegnung Wohnbaugesellschaft Kirchanschöring KU“, also als kommunales Wohnungsbauunternehmen. Flankiert wird es durch ein Helfernetzwerk und dem Verein Haus der Begegnung. So gibt es Selbsthilfegruppen, die die öffentlichen Gemeinschaftsräume in Haus nutzen können, und einem „Cafe Miteinand“.
Kultur verbindet
KuBa – Vom Leerstand zum Treffpunkt für Jung und Alt
Die Gemeinde hat die Chance genutzt und das Bahnhofsgebäude gekauft. Mit Hilfe des Amtes für Ländliche Entwicklung wurde daraus ein Treffpunkt für alle: „KuBa – Kultur im Bahnhof Anschöring“ ist eine Einrichtung für Kultur- und Jugendarbeit in Kirchanschöring, unter der Trägerschaft der Gemeinde. Das Konzept richtet sich bewusst an alle Menschen, jeden Alters. „Wir wollten einen offenen Raum für alle Generationen und Jugendarbeit mit Kulturarbeit verbinden“, erklären die beiden Jugendbetreuer Michael Obermeier und Bruno Tschoner, die die Gemeinde auf 20- bzw. 15-Stunden-Basis eingestellt hat. So gibt es Kicker-Abende und Schafkopfrunden, „Freitags-Karaoke“ – und: „Anschöring mukkt auf“ (Michael: „wir wollten da die verschiedenen Kellerbands auf die Stage holen“). es gibt aber auch ernste Themen, etwa bei Lesungen und Zeitzeugenberichten, in denen es um Politik und Geschichte geht. Auch der Rotary Club Traunstein hat das besondere Engagement erkannt und den Jugendpreis verliehen.

Das ehemalige Bahnhofsgebäude – heute beliebter „Treffpunkt für alle“

Benno und Michael erzählen, wie sich die Kultur im Ort – dank des Freiraums – immer weiter entwickelt

KuBa – ein gemütlicher und kreativer Ort für alle
KuKav? Musik in den Ohren!
Seit 2005 zieht das Musikfestival „Im Grünen“ zahlreiche Musikliebhaber in den Kirchanschöringer Achenpark. „Das Event ist immer größer geworden, wir haben gemerkt: das kommt an, es gibt hier eine Community dafür“, so Michael und Benno. Um das weiterhin stemmen zu können – zuletzt waren bei bei dem Festival teilweise bis zu 4.000 Teilnehmer dabei – wurde der „Kultur in Kirchanschöring Verein gegründet, kurz KuKaV, der die Rolle des Veranstalter übernimmt. Michael Obermeier und Bruno binden die Kinder und Jugendlichen bei den Helfergruppen ein – und diese sind begeistert und voller Engagement dabei, wie BIlder von der Helferaktion zeigen.
Bauen und Ökologie
Neues Wohnen auf dem Land
Wie wollen wir leben? Diese Frage stellt sich v.a. auch bei der Siedlungsentwicklung. „Wir hatten mittlerweile die vorhandenen Instrumente zum Flächenmanagement ausgereizt. Wir nutzen z.B. das Instrument des Vorkaufsrechts nach BauGB – wenn ein bebaubares Grundstück nicht innerhalb von drei Jahren nach Erwerb tatsächlich bebaut werden soll, können wir es kaufen und im Einheimischenmodell weitergeben. Zudem nutzen wir das Instrument von Vorkaufsrechtssatzungen für bebaute Grundstücke mit besonderer Relevanz für die Ortsentwicklung. Um nun neue Ideen zu entwickeln, haben wir uns mit dem BZA zusammengetan (Bereich Zentrale Aufgaben der Ländlichen Entwicklung)“, erinnert sich Birner.
Daraufhin wurde eine Modellstudie erstellt, die unterschiedliche Siedlungsentwicklungen verglich – die „üblichen Einfamilienwohnhaus-Gebiete“ und demgegenüber „kompaktes Bauen“. Ebenfalls neu war der „Bürgerrat“ (nach dem Vorarlberger Modell) als Beteiligungsformat, bei dem sich Bürger intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und konkrete Vorschläge eingebracht hatten. Die Bürger werden bei diesem Format nach einem bestimmten Schema per Zufallsprinzip ausgewählt, bilden aber einen Querschnitt der Bevölkerung ab. Denn ein so grundsätzliches Thema kann nur gemeinsam mit den Bürgern zu einer tragbaren Lösung kommen, so Birner. Der Bürgerrat wurde von Profis begleitet, hier kam auch gleich eine relativ neue Methode der Diskussion, Analyse und Lösungsfindung zum Einsatz: „dynamic facilitation“. Die Bürger haben unterdessen gemerkt, dass es hier um ein wichtiges Thema geht, das zeigte auch die starke Mitwirkung bei einer Bürgerbefragung, die zusätzlich stattfand, so die Beobachtung von Birner. In mehreren Exkursionen konnten sich die Gemeinderäte, aber auch interessierte Bürger, außerdem konkrete Beispiele anschauen, etwa in Münsing und in Weyarn.
Im Ergebnis fiel die Entscheidung zugunsten „kompaktes Bauen“, das in der Bauleitplanung „Lackenbacher Feld“ als Grundlage dient und bereits mit drei Baugruppen im Baugebiet Hipflham dann auch umgesetzt wurde. Zuvor arbeiteten Planungsbüros mit einer Mehrfachbeauftragung Entwürfe nach den Ideen und Vorgaben aus – ein Vorgehen, das Birner nur empfehlen kann: „Der Gemeinderat konnte anhand der verschiedenen Entwürfe eine gute Entscheidung fällen“. Ein weiteres wichtriges Element war seiner Meinung nach professionell moderierte Infoveranstaltungen, die das Vorgehen und die vorgesehene Umsetzung vorstellte. Da dies anfangs inmitten der Corona-Pandemie stattfand, wurde die Veranstaltung auch als Youtube-Clip festgehalten, „das hat sich bewährt, das haben wir dann so fortgeführt“.
Biotopverbund
Kirchanschöring hat bereits vor Jahrzehnten Projekte zum Biotopschutz umgesetzt, so hatte der Imkerverein beispielsweise 1999 einen Bienenlehrpfad errichtet. Auch das gemeindliche Grünflächenmanagement achtet auf den Schutz wertvoller Flächen, wobei hochwertige Flächen nicht vom Bauhof, sondern vom Landschaftspflegeverband gepflegt werden. Diese sind mittlerweile so artenreich, dass daraus wertvolles Saatgut gewonnen wird. Auch hier denkt die Gemeinde über ihre Grenzen hinaus und hat die ILE-Region miteinbezogen, um einen Biotopverbund zu schaffen. Im Rahmen eines LEADER-Projektes haben die elf Gemeinden der Region nun ökologische Grünflächenpflegepläne.

Wertvolle Fläche – eine Glatthaferwiese (Foto: Franke)

Streuobstwiese – Teil des Biotopverbunds (Foto: Franke)
Regionale Netzwerke
Kirchanschöring ist Mitglied in mehreren regionalen Netzweken, wie Lisa Seehuber (ILE-Umsetzungsbegleitung) berichtete:
Mitglied in:
- ILE Waginger See-Rupertiwinkel
- Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel
- LEADER Traun Salzach
- Regionalwerk Chiemgau-Rupertiwinkel
> Zukunftssicherung: Regionale Resilienz
Eine besondere Ausrichtung, so Seehuber, ist das „Resilienz-Konzept der ILE: „Ziel ist die Zukunftssicherung unserer Kommunen und eine nachhaltige und resiliente, ökologisch orientierte Entwicklung unserer Region. Wir möchten natürliche Lebensgrundlagen erhalten und die kulturelle Identität und den sozialen Zusammenhalt stärken. So fördern wir die Widerstandskraft und Vitalität der Region“ (Eigenbeschreibung).
Die Leitprojekte decken Themen ab, wie Nahversorgung, Wasser und Sturzflutmanagement, Hitzeschutz, Landwirtschaft und Ernährung und hat hilfreiche Ergebnisse hervorgebracht, etwa die Starkregen- und Fließgewässerkarten und das Sturzfluten-Anpassungskonzept.

Lisa Seehuber und Hans-Jörg Birner bei ihrem Vortrag (Foto: Franke)
> Landwirtschaft: Bauernratsprozess
Wie gestalten wir gemeinsam die Landwirtschaft in der Region der Zukunft? In 60 Einzelinterviews wurden die Landwirte zu ihrer Meinung befragt, ihre Sorgen und Herausforderungen kamen genauso auf den Tisch wir ihre vielen Ideen. „Letztendlich entstand sogar ein gemeinschaftliches Leitbild“, berichtet Birner stolz. Auch hier wurde – analog zum Bürgerrat – mit dem Format „Bauernrat“ gerarbeitet. Denn, so Birner: „statt übereinander zu reden und sich abzuschotten ist es doch viel besser, miteinander zu reden und gemeinsam zu handeln“. Dass die ILE einen ständigen Bauernrat im Projektbeirat hat, dürfte wohl eine weitere Besonderheit der Region sein, ergänzt Seehuber.
So entstanden auch hier spannende Projekte, wie der Podcast „Landwirtschaft verstehen“ und die „Erlebnistage Bauernhof für Erwachsene“ oder die „Dorfladenbox“ und Regionalmarkthallen, die aufgebaut werden sollen. Der nächste Foklus soll dann auf Klima ud Kreislaufwirtschaft gelegt werden, so der Ausblick von Seehuber.
Ein weiterer Baustein im ILEK ist, mit Blick auf die Globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs), die „Kommunale Entwicklungspolitik“:
> Regionale Partnerschaft – Eine Welt
Kirchanschöring hat es bereits geschafft und ist seit Sommer 2024 nicht nur „Gemeinwohl-Gemeinde„, sondern offiziell auch „Fairtrade Town“, eine Auszeichnung, die nur Gemeinden erhalten, die alle Kriterien der gleinamigen internationalen Kampagne erfüllen (z.B. Gemeinderatsbeschluss, Fairtrade-Produkte im Einzelhandel und in der Gastronomie, Einrichtung eines Steuerungsgremium und Einbindung von Schulen, Vereinen und Kirchen). Globale denken, lokal handeln – Kirchanschöring zeigt damit Verantwortung über die eigenen Ortsgrenzen hinweg. Aber auch die ganze ILE Region darf sich seit diesem Fairtrade-Region nennen. Derzeit wird mithilfe einer Expertin ein Leitfaden für die faire, nachhaltige Direktbeschaffung entwickelt.
Die Region pflegt auch eine „Solidaritätspartnerschaft“ mit Horokhiv (Ukraine) als Partnerschaftskommune. Im April reisten Vertreter/innen der ILE nach Horokhiv und luden die Partner im Gegenzug ein.
Energiepotenziale über die Region hinaus
Für Birner steht fest: „Die Region hat aufgrund ihrer Geologie Potenziale für Geothermie und die sollte sie nutzen“, Probebohrungen bestätigen die Hoffnung – „da macht ein regionaler Wärmeverbund Sinn, dann können wir die Wärme auch vor Ort zur Wertschöpfung bringen“, so Birner weiter. Aus dieser Überzeugung heraus entwickelte sich das Projekt „Energio SOBOS“, da es grenzüberschreitend ist, wird es von der EU gefördert (CEF Energy). Eine Machbarkeitsstudie zeigt Geothermiequellen, Wärmesenken und Wärmetransportleitungen auf.

Applaus und herzlichen Dank für Birner, Kirchanschöring und den Rupertiwinkel!
Fazit
Für die Akademie Ländlicher Raum bot der Tag einen Einblick, was im ländlichen Raum alles möglich ist, wenn Menschen vor Ort sind, die in Zusammenhängen denken, die auch ein hemdsärmeliges Engagement mitbringen, die Entwicklungen initiieren und Projekte angehen, die den Mut aufbringen, größer zu denken und Partner mit ins Boot zu holen – und die ihren Bürgern Vertrauen schenken, ihre Eigentinitiative zulassen und fördern.
Vielen Dank für die spannenden Einblicke. Wir konnten hier nur einen kleinen Teil wiedergeben 😉
Hier noch zwei Links:
Der YouTube-Kanal der Gemeinde mit vielen Videos aus den Projekten
Der → aktuelle Podcast aus dem Bauernratsprozess
Silke Franke, 11.08.2025
