Langfassung des Beitrags "Keimzellen des Landes"
in der Zeitschrift der gemeinderat spezial, Sonderheft: Kommunen
im 21. Jahrhundert, August 1999
Das Dorf im nächsten Jahrtausend
Eine Erfolgsgeschichte - Das Land hat aufgeholt
Der ländliche Raum und seine Siedlungseinheiten, die kleineren Städte, Märkte und die Dörfer, haben in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht nur in Bayern eine enorme Aufwärtsentwicklung erfahren. Galt früher die Devise "Nur Stadtluft macht frei", so hat sich diese urban geprägte Grundeinstellung vieler Bürger in unserem Lande heute ins Gegenteil verkehrt: Was früher eher als rückständig und hinterwäldlerisch galt, nämlich das Bekenntnis zur ländlichen Heimat und Regionalität, ist heute einer Aufwertung des Lebens auf dem Lande gewichen. In der Tat hat das Land in vielen Bereichen gegenüber den Ballungsräumen aufgeholt oder sogar gewonnen. Die Gründe liegen u.a. darin, daß
Generelle Trends gefährden Entwicklung der ländlichen Räume
Diese sehr positive Entwicklung war noch vor 50 Jahren in keiner Weise vorhersehbar und zeigt, wie schwierig es ist, eine zuverlässige Zukunftsprognose über das Dorf im nächsten Jahrtausend zu geben. In Anlehnung an die aktuelle Feuilleton-Serie in der Süddeutschen Zeitung zum bevorstehenden Millennium kann es deshalb nur darum gehen, "Die Gegenwart der Zukunft" zu beschreiben und zu versuchen, daraus Forderungen für eine gedeihliche Entwicklung der Dörfer abzuleiten. Sie nämlich sind die Keimzellen des Landes, die auch in Zukunft atmen müssen, damit – wie es der frühere französische Ministerpräsident Edgar Faure einmal so schön formulierte – die Städte nicht ersticken. Maßgeblich für ein Zukunfts-Szenario müssen dabei generelle aktuelle Trends und Rahmenbedingungen sein, die massiv die Entwicklung der Dörfer beeinflussen, wie vor allem
Ohne Ziel ist kein Weg der richtige
Für die Dörfer und den ländlichen Raum gibt es keinen Automatismus im Sinne einer sich selbst erfüllenden Botschaft "Das Land hat Zukunft" (Glück/Magel 1990), auch wenn kürzlich Kenichi Ohmae, ein japanischer Glokalist (weil global und lokal agierend) und Spitzenmanager einen rapiden Aufschwung der Regionen prophezeit hat: "Die Zukunft gehört regionalen und hierbei jenen Wirtschaftsräumen, die eine erfolgreiche Interaktion mit der ’restlichen Welt’ aufbauen. Dabei haben – nach Erfahrungen aus den USA - gerade auch Regionen, die von dicht besiedelten Städten und Ballungsräumen weit entfernt liegen ...große Chancen" (Ohmae 1999). Er bekräftigt damit den amerikanischen Zukunftsforscher John Naisbitt, der schon Anfang der 80er Jahre in seinem Bestseller "Megatrends" voraussagt: "An der Schwelle zum 3. Jahrtausend wird das Leben auf dem Lande die Lebensform der Zukunft sein." Diese Zukunft muß aber hart erarbeitet werden. Ganz offensichtlich gibt es aber hierbei große Defizite, denn der bereits zitierte Weidenfeld vermißt politische "Visionen und Konzepte"..., "die den sozialen Wandel steuern und seine Geschwindigkeit regeln könnten." "Wenn es stimmt", so Weidenfeld, "daß Utopien die Grundlage für gesellschaftliche Veränderungen sind, woher kommt dann heute die Utopie einer zukünftigen Welt?" (Weidenfeld a.a.O.)
Es geht um Utopien für den Globus ebenso wie um Utopien für die überschaubare Lebenswelt in der Größenordnung einer kleinen Gemeinde oder eines Dorfes.
Diese Utopie, die – nach Alois Glück (1990) – unter Verzicht auf abgehobene, nicht erfüllbare Visionen besser als Real-Utopie zu bezeichnen wäre, kann nicht von oben nach unten verordnet werden, sondern muß vielmehr in einem sog. Bottom-up-Prozeß von Kommunen und Bürgern entstehen. Unter Berücksichtigung der aufgezeigten Trends und Rahmenbedingungen werden daraus folgende Maximen für eine zukunftsorientierte Entwicklung der Dörfer im nächsten Jahrtausend abgeleitet:
Dörfer und Gemeinden brauchen auf Grundlage ihrer Realutopien Leitbilder für die Entwicklung
"Quidquid agis, prudenter agas, et respice finem!" – "Was immer du tust, tue es klug und beachte das Ende!" Jeder Einzelne tut erfahrungsgemäß gut daran, diese Lebensweisheit des griechischen Philosophen Epiktet zu beherzigen. Sie gilt gleichermaßen auch für die Dörfer und Gemeinden. Auch sie müssen zur Bewältigung vielfältiger Herausforderungen und Probleme klug, vorausschauend und die Folgen beachtend handeln. Entwicklung braucht (Werte)Orientierung. Damit stellt sich für die Dörfer und Gemeinden wie selbstverständlich die Aufgabe, für ihr künftiges Wollen gemeinsame Zielvorstellungen zu entwickeln, ein zukunftsorientiertes Leitbild also für Siedlung, Landschaft und soziales Zusammenleben. Ausgehend von Geschichte und Gegenwart, humanen und sonstigen Ressourcen etc. gilt es, in einem intensiven Diskussionsprozeß von allen mitgetragene Leitlinien zu erarbeiten, die helfen können, die gewollte zukünftige Entwicklung des Dorfes und der Gemeinde zielorientiert zu steuern. Hierzu ist u.a. auch eine konsequente Bildungsarbeit für Mandatsträger und Bürger ("capacity building") notwendig. Wissen und Bildung als vierter Produktions- und zentraler Standortfaktor wird mehr als bisher zum strategischen Überlebensmittel! Die Bayerische Akademie Ländlicher Raum hat dieser wichtigen Thematik im Frühjahr 1996 eine gesonderte Tagung gewidmet, deren Ergebnisse in einer inzwischen vielfach angeforderten Dokumentation dargestellt sind (Bayerische Akademie Ländlicher Raum 1996/1).
Den Trend der integrierten Gemeinde- und Regionalentwicklung nutzen
Regional- und Gemeindeentwicklung liegen
im Trend. Sie sind die zeitgemäße und strukturpolitisch gebotene
Antwort auf die globalen und nationalen Veränderungen in Stadt, Wirtschaft
und Gesellschaft. Die Nation oder das Land ist für die großen
Probleme des Landes zu klein und zu groß für die kleinen. Die
kleinregionale Ebene als Maßstabseinheit der regionalen Entwicklung
gewinnt zunehmend – und zwar rapide – an Bedeutung, weil immer mehr Gemeinden
auch vor dem Hintergrund knapper werdender Finanzmittel zu der Einsicht
kommen, daß diverse Probleme in den Bereichen Naherholung und Fremdenverkehr,
regionale Vermarktung und wirtschaftliche Entwicklung allein nicht mehr
gelöst werden können. Auch muß es gemeindeübergreifend
um nachhaltige Entwicklungen gehen, d.h. um die gleichheitliche Berücksichtigung
ökologischer, ökonomischer und sozialkultureller Aspekte, die
vielfach in den Dörfern in eigener, alleiniger Zuständigkeit
nicht mehr gelöst werden können. Deshalb ist im nächsten
Jahrtausend endgültig Abschied zu nehmen von lokaler Kirchtumspolitik!
Interkommunale Zusammenarbeit wird die Regel sein. Nicht umsonst haben
sich z.B. die bayerische Landes- und Regionalplanung, die Verwaltung für
Ländliche Entwicklung in Bayern sowie die Bayerische Akademie Ländlicher
Raum und der Lehrstuhl für Bodenordnung und Landentwicklung der Technischen
Universität München massiv dieses Aufgabenfeldes angenommen.
Landbewohner brauchen Arbeitsplätze – Chancen der Telekommunikation müssen genutzt werden
Die größte Herausforderung wird angesichts der strukturellen Arbeitslosigkeit die Schaffung ausreichender Arbeitsplätze sein. Der Verweis auf ehrenamtliche "Ersatztätigkeiten" im sog. "Dritten Sektor" (Antony Giddins) oder auf geringfügig ent- oder belohnte "Bürgerarbeit" (Ulrich Beck) kommt – trotz unaufhaltsamer Berechtigung – wohl noch auf längere Zeit zu früh. Es muß also gelingen, in den Dörfern oder zumindest in gut erreichbarer Nähe ein ausreichendes Angebot an qualifizierten Arbeitsplätzen zu schaffen, um längerfristig eine Abwanderung gerade der gut ausgebildeten erwerbsaktiven Bevölkerung zu vermeiden. Der sich verschärfende Strukturwandel in der Landwirtschaft sowie die Internationalisierung des Arbeitsmarktes erhöhen zweifellos die Brisanz. Für viele bäuerliche Betriebe besteht angesichts relativ bescheidener Flächenausstattung nur dann eine Überlebenschance, wenn Zu- und Nebenerwerbsmöglichkeiten ausgeschöpft werden. Die Forderung nach umweltfreundlichen Agrarprodukten, nach Nutzung nachwachsender Rohstoffe und Energieträger, nach Spezialprodukten anstelle von Massenware, nach Anpassung der Landnutzung an gesamtgesellschaftliche Erfordernisse, z. B. durch Sicherung von Wasserschutzgebieten, nach Nutzung von Nischenprodukten sowie dezentrale landwirtschaftliche Erzeugungs- und Vermarktungsgenossenschaften in der Hand der Bauern gewinnen deshalb zunehmend an Aktualität. Deshalb verdienen die neuen Initiativen zur Stärkung der Nahversorgung die volle kommunalpolitische Unterstützung!
Erfreulicherweise ist es heute kein
Naturgesetz mehr, daß geographisch entlegene Regionen immer und überall
benachteiligt sein müssen – nicht mehr! Neue Informationstechnologien
bieten erstmals in der Menschheitsgeschichte die Möglichkeit, das
derzeit größte Handicap des ländlichen Raumes auszugleichen
– die Entfernung von städtisch gebundenen Ausbildungsstätten
und Arbeitsplätzen. Das Zauberwort heißt Telematik.Längst
gibt es erfolgreich wirkende dezentrale Telearbeitsplätze z.B. bei
BMW oder IBM etc. Auch sind in vielen Bundesländern, so auch in Bayern,
Geflechte von Bürgernetzvereinen entstanden, die den Zugang und Austausch
elektronischer Informationen unabhängig von Raum und Zeit ermöglichen.
Die Gemeinden müssen sich diesen technologischen und letztlich kommunalpolitischen
Herausforderungen offensiv stellen. Sie müssen nach Aussage von Präsident
Heribert
Thallmair die neuen Technologien wie z.B. Internet und Intranet in
ihren Alltag integrieren und im Zuge neuer kommunalpolitischer Strategien
wie z.B. "Gemeinde 2001" jederzeit interaktiv ansprechbare Partner von
Unternehmen und Bürgern sein. Damit entsteht ein unternehmens- und
investitionsfreundliches Klima und Umfeld. Auch die Bayerische Akademie
Ländlicher Raum als traditionelle Denkstube für bayerische Kommunen
ist auf diesem Gebiet hellwach: Nachdem sie sich bereits im Oktober 1996
in Veitshöchheim mit diesem Thema befaßt hat (Bayerische Akademie
Ländlicher Raum 1996/2), geht es neuerlich bei der Internationalen
Herbsttagung 1999 vom 21. bis 23. Oktober in Neukirchen am Großvenediger
um den ländlichen Raum und die Multimedia-Gesellschaft sowie um die
daraus erkennbaren Trends, Fakten und Auswirkungen.
Es geht um eine neue Bürger- und Sozialkultur
Landes- und Kommunalpolitik im 21. Jahrhundert muß auf den Vorrang von Eigenverantwortung, auf Chancengleichheit und Solidarität setzen. Nur so ermöglicht und nutzt sie die aufkommende Bürgergesellschaft und die herbeigesehnte notwendige neue Bürger- und Sozialkultur. Kommunalpolitik à la "Gemeinde 2001" muß diese Entwicklung im Sinne einer pro-aktiven Haltung nutzen und darf nicht dagegenarbeiten. Das 21. Jahrhundert wird geprägt sein von repräsentativen und gleichzeitig partizipativen Demokratieformen sowie im kommunalen und auch im Alltag der Verwaltungen von der Dualität rechtlich-formalen und informellen Planens, Handelns und Entscheidens.
Deshalb müssen auch und gerade Regional-, Gemeinde- und Dorfentwicklung auf diese neuen Entwicklungen ausgerichtet sein. Sie sollen eigenständig und partizipativ, nachhaltig, integrativ und zukunftsfähig sowie gemeinwohlorientiert und sozialgerecht sein. Um dies zu erreichen, brauchen sie eine neue Form der Planung und Entscheidungsfindung, wie z.B. Dialogplanungen, Moderation und Mediation etc. Damit entsprechen sie der Vision einer innovativen Gesellschaft im 21. Jahrhundert, das ja bekanntlich ein Jahrhundert der Kommunen und Bürger sein wird (H. Hill, Speyer). Erfreulicherweise sind in Bayern, angeregt durch die Bürgerarbeit in der Dorferneuerung und nun auch stark in den Agenda 21-Prozessen, viele Anzeichen für eine derart breite politische und bürgerliche Bewegung hin zu einer neuen Bürger- und Sozialkultur erkennbar. Nach langer Zeit haben sich Wissenschaft, Bildungsbürgertum sowie Politiker aus allen Lagern endlich wieder auf ein wichtiges gemeinsames Anliegen verständigt (Magel 1999).
Das Land hat Zukunft – wenn viele an einem Strang ziehen
Bei allem Bemühen, ihre Zukunft aktiv zu gestalten, müssen die Dörfer und Gemeinden auf die Unterstützung der dem ländlichen Raum verbundenen Kräfte und Organisationen sowie zeitgemäße Instrumentarien für ihre Entwicklung bauen. Vor dem Hintergrund des Nachhaltigskeitsgebots und des nur begrenzt verfügbaren Grund und Bodens und zunehmend divergierender Nutzungsansprüche gilt es, diesen möglichst sparsam zu verwenden sowie Nutzungs- und Eigentumskonflikte durch Bodenbevorratung, Landmanagement und Bodenordnung zu entflechten. Auf die Bodenordnungsbehörden der Länder könnte so, zweckentsprechend eingesetzt, an der Jahrtausendschwelle eine bislang von Politik und Gesellschaft weit unterschätzte Zukunftsaufgabe zukommen, ob in Deutschland, Europa oder sonstwo auf der ganzen Welt.
Die Bayerische Akademie Ländlicher Raum leistet durch Fortbildungsveranstaltungen und Dokumentationen zu Zukunftsthemen der Dörfer und ländlichen Räume aktive Unterstützung und wird dies auch künftig tun. Sie ist stolz darauf, daß hohe Repräsentanten bayerischer Gemeinden und vor allem auch der Präsident des Bayerischen Gemeindetags sowie des Deutschen Städte- und Gemeindebundes Heribert Thallmair zu ihren Ordentlichen Mitgliedern gehören. Darüber hinaus verbindet die Bayerische Akademie Ländlicher Raum mit den bayerischen Kommunen die erfolgreiche Kooperation bei zahlreichen Tagungen.
Gemeinsamkeit macht stark – dies gilt
in besonderer Weise auch für das Netzwerk zwischen der Bayerischen
Akademie Ländlicher Raum und den vielen bayerischen Landkreisen und
Gemeinden. Das Netzwerk umfaßt aber längst auch Kontakte mit
Schwesterakademien in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hessen oder in
der Tschechischen Republik etc. Denn: Nur gemeinsam wird es gelingen, mit
wachen Augen die Trends und Entwicklungen zu verfolgen, daraus Strategien
zu entwickeln und damit dazu beizutragen, daß die ländlichen
Räume und ihre Dörfer auch im nächsten Jahrtausend eine
gute Zukunft haben. Die Chancen stehen gut; viele zukunftssichernde Faktoren
wie die sog. LILA-Faktoren (vgl. Millendorfer 1990) sind viel eher
in den Dörfern als in den Ballungszentren zuhause!
Literatur
| Bayerische Akademie Ländlicher Raum e.V. (1996/1): Leitbilder für ländliche Gemeinden, ISBN 3-931 863-12-1 |
| Bayerische Akademie Ländlicher Raum e.V. (1996/2): Zukunftschancen für die ländlichen Gemeinden durch Telematik, ISBN 3-931 863-14-X |
| Glück Alois/Magel Holger (1999): Das Land hat Zukunft – Neue Perspektiven für die ländlichen Räume, Jehle-Verlag München, 1990 |
| Glück Alois (1990):
Wir brauchen Realutopien.
In: Alois Glück/Holger Magel (Hrsg.): Das Land hat Zukunft, Jehle-Verlag München, 1990 |
| Heißenhuber Alois
(1997): Wissenschaftliche Aspekte und Anforderungen an die Umsetzung des
Gebots der Nachhaltigkeit aus der Sicht des Agrarexperten.
In: Nachhaltige Entwicklung in ländlichen Gemeinden – Zu Auftrag und Umsetzung der Agenda 21, ISBN 3-931 863-18-2 |
| Magel Holger (1999):
Zehn Thesen zur nachhaltigen Regional- und Gemeindeentwicklung
In: Genossenschaftsblatt Nr. 7 vom 15. Juli 1999, München |
| Millendorfer Johann
(1990): Werte- und Paradigmenwandel macht den ländlichen Raum zum
Ort der Zukunft.
In: Glück Alois/Magel Holger (1999): Das Land hat Zukunft – Neue Perspektiven für die ländlichen Räume, Jehle-Verlag München, 1990 |
| Ohmae Kenichi (1999):
Unterwegs in eine völlig andere Welt.
In: SZ-Feuilleton-Beilage vom 3./4./5. April 1999 |
| Weidenfeld Werner (1999):
Gefangene im globalen Netzwerk.
In: SZ-Feuilleton-Beilage vom 31. Juli/1. August 1999 |