Bayrische Akademie Ländlicher Raum

10.07.2015 zurück

Do bin i dahoam? Heimat in globalisierten Dörfern

Unser Sommerkolloquium 2015 in Benediktbeuern. Mitveranstalter: Hanns-Seidel-Stiftung, Bayerischer Landesverein für Heimatpflege, Fachberatung Heimatpflege des Bezirks Oberbayern.

Veranstaltungstitel

 

// 10.07.2015 // (fsi)

Derzeit erlebt Heimat regelrecht eine Renaissance. Doch jenseits der dabei meist der verklärten, weichgezeichneten Postkartenidylle haben sich unsere Städte, Dörfer, Landschaften und Lebensgewohnheiten geändert.Mit unserer Veranstaltung hingegen wollen wir uns mit einem eher „prospektiven Heimatverständnis" beschäftigen.
ALR-Präsident Holger Magel in seiner Einführung: "Das Thema regionale Identität erlebt als Sammelbegriff für ökonomische, ökologische und  kulturelle Veränderungen und (Selbst)Behauptungen einen Hype. Verbunden damit ist sichtbar oder unsichtbar immer das Thema Heimat in einer sich verändernden Welt. Diese Veränderungen wollen wir durchstreifen. Es geht um viel, es geht um Menschen, Siedlungen und Landschaften und all deren Bedürfnisse, Geschichten und Prägungen" (pdf)
Michael Asam begrüßte  als Stellvertretender Präsident des Bezirkstags Oberbayern die Tagungsteilnehmer im Maierhof des Klosters Benediktbeuern bei wahrlich sommerlichen Temperaturen. In diesem Gebäudetrakt ist die Fachberatung Heimatpflege des Bezirks Oberbayern untergebracht. Der Bezirk, informierte Asam, bietet mehrere Förderprogramme zu verschiedenen Themen der Heimatpflege an. Allein für die "Allgemeine Kultur- und Heimatpflege" steht im Haushalt eine Viertel Million Euro zur Verfügung.
Gundrun Brendel-Fischer, MdL, Stellvertretende Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion, zeigte, dass ihr insbesondere die Werteprägung der nachfolgenden Generation ein Anliegen ist. In den Schulen erfahren Kinder und Jugendliche durch Heimat- und Sachkunde oder durch Exkursionen in das nähere Umfeld einen direkten Heimatbezug. Auch die Verbandsarbeit leiste durch kulturelle Bildung und Brauchtumspflege einen wichtigen Beitrag. Besonders freut die Abgeordnete dabei Initiativen, die gezielt Alt und Jung zusammenbringt, "damit Wissen und Kompetenzen - vor allem praktische Alltagskompetenzen - nicht verloren gehen".  Die Vereine sind ihrer Meinung nach auch der ideale Ansatzpunkt, um mit den Gepflogenheiten vor Ort vertraut zu werden: "Es ist das persönliche Engagement, das prägt". Eine deutliche Signalwirkung gehe natürlich von der Umbenennung des Finanzministeriums in ein Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat aus, doch Brendel-Fischer ging auch auf die bewährten Programme der anderen Häuser ein, etwa Dorferneuerung und Integrierte Ländliche Entwicklung, Modellvorhaben der Landnutzung und Biodiversitätsstrategien oder Regionale Wirtschaftsförderung und Förderung der Baukultur. Ihre Bitte: "Noch immer herrscht ein ausgeprägtes Ressortdenken, das hemmt mitunter. Ich wünsche mir eine möglichst frühzeitige Kommunikation!"
Dr. Norbert Göttler, Fachberater Heimatpflege des Bezirks Oberbayern, setzte sich in seinem Impulsbeitrag zunächst mit dem Begriff Heimat auseinander. Demnach sei "Heimat" ursprünglich ein juristischer Begriff gewesen, verbunden mit einem Bleiberecht. Den "topografischen Heimatbegriff" erklärte Göttler mit der Region, nach der man Heimweh hat, weil man von dort weg musste - oder die neue Heimat, die man aufsucht, weil man der Enge der alten Heimat enfliehen will. Schließlich machte Göttler noch die "utopische Heimat" aus, die sich in der Gefühlswelt abspielt. In dem Zusammenhang warnte Göttler vor Dogmatisierung und Klischeebildung. Dadurch würden hart erkämpfte Werte gefährdet und die Vielfalt und der Reichtum der Kulturen missachtet.
Dr. Thomas Goppel, MdL, Staatsminister a.D. eröffente seinen Impuls mit einem Augenzwinkern: "Wir Bayern sind nichts Besonders,... aber einmalig!". Er erinnerte daran, dass wir längst schon durchmischt sind , etwa durch die Heimatvertriebenen und Flüchtlingen, die sich nach 1945 hier sehr rasch eine neue Existenz aufbauten und dadurch in das gemütliche Bayern auch erst ein gewisses Tempo begracht hätten, oder durch die vielen eingeheirateten Norddeutschen. Und genau dies sieht er auch als Chance: "Die 12,5  Mio. Einwohner Bayerns stehen für 12,5 Mio. Impulse, in denen all das mitschwingt, was jeder über die Mütter und Väter mitbekommen hat". Eine Chance, die seiner Meinung nach gerade angesichts der allgegenwärtigen Herausforderungen nicht genügend genutzt wird: "Uns scheint die Lust abhanden gekommen zu sein, etwas verändern zu wollen. Wir warten lethargisch ab und überlassen es anderen". Eine gemeinsame Linie, die Altes und Neues verbindet,  lasse sich so nicht finden, während die Gefahr, dass "andere den Ton angeben" zunimmt. Sein Appell daher: "Wir sollten für Neues offen sein, statt es auszugrenzen. Wir sollten uns mutig auch mal einen großen Wurf wagen".
Der Journalist Hans Kratzer ging auf die Rolle der Medien bei der Vermittlung von Heimat und der Interpretation von Traditionen ein. Während im eng begrenzten lokalen Raum eine rege und detaillierte Berichterstattung erfolgt,  sieht das Interesse auf überregionaler Ebene schon schwieriger aus: Medien berichten, wenn der alte Brauch des Fensterlns plötzlich Gender-Aspekten zum Opfer fällt (Uni Passau), und rufen zur Diskussion auf, wenn Passionsspiele unter die Leitung eines Muslimen gegeben werden (Oberammergau). Und Medien selbst tragen durch ihre Eventisierung Schuld daran, wenn etwa das Maibaumaufstellen nicht mehr der Tradition, sondern der Logik der Quotenbildung im Senderinteresse folgt.  "Doch wo bleibt die mediale Aufmerksamkeit", so Kratzer, "bei den Dramen, die im Stillen stattfinden - Dramen, wie der Verfall uralter Kapellen, der Niedergang der Wirtshauskultur, der Verlust der bayerischen Sprache?"
Michael Schmölz, Preisträger des ALR-Nachwuchspreises 2014, zeigte am Beispiel der Region Allgäu auf, wie sich Landschaften und Raumansprüche permanent ändern, und welche Diskrepanz zwischen den realen und den assoziativen Landschaften bestehen. Wer an Allgäu denkt, wird wohl in erster Linie Bilder im Kopf haben, die Berge und Almen zeigen, einen Senner mit  Kühe und Käseprodukten. Ausgeblendet wird das, was auch im Allgäu anzufinden ist, etwa Autobahnen, Energielandschaften, Hochspannungsleitungen und andere Infrastrukturen. Schmölz: "So haben wir schöne Museumslandschaften auf der einen, und alltägliche Verbrauchslandschaften auf der anderen Seite. Doch wir sollten einen Weg finden, der beides integriert".
Nach Meinung von Prof. Dr. Sören Schöbel (Landschaftsarchitektur und regionale Freiräume, TU München) sind Fefstsetzungen, die Räume nach den Kategorien von schön oder wertvoll einstufen und so Zonen unterschiedlicher Wertschätzung schaffen, nicht nachhaltig. Schöbel: "Wir sollten das Paradigma der Trennung und Zonierung hinter uns lassen. Wenn wir nicht nur an Fortschritt und Wachstum., sondern  auch an Kohärenz und Zusammenhalt interessiert sind, brauchen  wir politische und planerischen Konzeptionen räumlicher Zusammenhänge".
Zum besseren Verständnis ging Schöbel in einem Exkurs auf den Landschaftsbegriff ein - so lässt sich die historisch gewachsene von der geplanten unterscheiden und dazwischen wiederum gibt es jene Landschaft, in der sich in eigener Dynamik aus den verschiedenen kleinen Veränderungen ein neues Gesamtbild  ergibt.
Schöbel plädiert für ein Paradigma der Integration, welches neue Elemente in die Struktur der gegebenen Landschaft einfügt und versuchte dies anhand möglicher Windkraftstandorte in einer Alpenvorlandregion  zu veranschaulichen.
Das Podium stellte sich im Anschluss an die Vorträge den Fragen aus dem fachkundigen Publikum.
Blick in das Plenum.
Als Resüme hielt Magel fest: "Wir hatten heute spannende Exkurse in die Begriffe von Heimat und Landschaft und daraus gelernt, dass all diese über die Zeit entstandenen Definitionen auch heute noch mitschwingen. Die Botschaft war klar: Wir müssen das gelingende Miteinander suchen, die Verbindung von Alt und Neu, von Einzelinteressen und Vielfalt. Wir haben gehört, dass es nicht so leicht ist, Finanzmittel für Heimatpflege zu gewinnen. Heimat ist ein Thema vor allem auf lokaler Ebene und überregional nur schwer oder unvollständig und verzerrend zu vermitteln. Bewusstseinsbildung und Ehrenamt spielen für die Identifikation und Identität eine wichtige Rolle, denn Heimat ist das, was ich daraus mache. Das ideale Instrument, um als Gemeinde gemeinsam mit möglichst vielen Bürgern die dabei notwendige Wertediskusison anzustoßen, ist fdie Leitbildentwicklung, wie sie etwa in der Dorferneuerung oder an den Schulen der Dorf- und Landentwicklung praktiziert wird". Als Schlusssatz offenbarte Magel noch seine Interpretation von Heimat: "Heimat ist im Kopf und im Herzen - Heimat ist auch Sehnsucht".
 

Nachtrag:

Die Broschüre zum Sommerkolloquium 2015 in Benediktbeuern ist nun erschienen!

Franke/ Magel: Heimat zwischen Tradition und Forschritt
(= Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen Nr. 105 der Hanns-Seidel-Stiftung, München 2016)

Download/ Bestellung hier (externer link)

 

Silke Franke
Geschäftsführerin ALR, Referentin HSS
 
Fotos: Silke Franke

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